Alles für die Energie

Kapitel I – „Alles für Energie“, ein Film auf der Grundlage von Originalaufnahmen, Schnitt und Montage: Emil HUTANU; Idee und Auswahl des Filmmaterials: Kornél BÍRÓ; Text: Zoltán LESI; Musik: Kornél BÍRÓ und Martin DVORAN; Zoltán LESI – Stimme (1. Teil) Martin DVORAN – 4- und 8-saitige Bässe; Kornél BÍRÓ – Stimme (2. Teil), Flüstern, Synthesizer, Orgel, Effekte; Tonregie und Produktion: Kornél BÍRÓ (BOM).

Konzept

Der musikalische Teil des Projekts ist eng mit dem dafür produzierten dokumentarischen Film verbunden, der den Reaktorunfall vom 26. April 1986 in Tschernobyl behandelt. Die Komposition folgt der filmischen Erzählung, die aus acht voneinander getrennten, aber dramaturgisch verbundenen Kapiteln besteht und in der Aufnahme nahtlos ineinander übergeht.

Die Musik ist konsequent dem Film untergeordnet. Bei der Komposition ist stets die visuelle Dramaturgie maßgebend, auch wenn man mitunter andere musikalische Lösungen bevorzugen würde. Das Schreiben der Musik zu diesem 46-minütigen Filmmaterial erfordert daher zahlreiche Kompromisse.

Die Klanggestaltung orientiert sich streng am Minimalismus, berührt jedoch über die acht Kapitel hinweg verschiedene Genres. Im Mittelpunkt stehen stets die Klangwelt und ihre Tiefenschichten; harmonisch bleibt das Material bewusst schlicht.

Eine zentrale Vorgabe ist, dass das gesamte Werk ohne Computer oder Software entsteht. Alle Klänge werden ausschließlich durch Instrumente und analoge Geräte – etwa Drumcomputer, alte Effekte und Sequencer – erzeugt. Sie formen die Struktur der Musik.

Stilistische Charakteristik der acht Kapitel:

Das erste Kapitel evoziert mit melancholischen Akkordfolgen sowie orgel- und synthlastigen Klangflächen die „glücklichen“ Zeiten vor der Katastrophe bis hin zum Unfall. Hier ist die Instrumentenvielfalt am größten: Bassgitarre, achtsaitige Oktavbassgitarre, Orgel, Basssynthesizer, Synthesizer, Gitarren und zahlreiche Effekte – insgesamt bislang rund 30 Spuren. Der Sound ist stark „vintage“, bedingt durch alte Orgeln, Synthesizer, Effekte und teilweise analoges Recording. Diese Klangwelt kehrt später im fünften Kapitel wieder.

Das zweite Kapitel bildet den experimentellen, noisigen Teil des Werks. Es spiegelt die chaotischen Tage nach der Explosion, den Verlust von Hoffnung und das Erkennen des Ausmaßes wider. Etwa 20 % des Materials sind improvisiert, die Grundstruktur jedoch komponiert. Verzerrte Bässe, Gitarren und Synthesizer dominieren – eine Reise in die Dunkelheit.

Im dritten Kapitel beginnt im Film wie in der Musik die planmäßige Phase der Schadensbegrenzung. Das anfängliche Chaos ist vorbei, die Arbeit folgt klaren Strukturen. Musikalisch übernehmen Maschinen zunehmend die Rolle der Live-Instrumente. Ab hier kommen insgesamt drei verschiedene Drumcomputer zum Einsatz, deren Ästhetik an analoge Drums der 1970er erinnert. Stilistisch bewegt sich dieser Abschnitt zwischen Old-School Electro und hybriden Formen.

Das vierte Kapitel lehnt sich an Doom an und enthält erneut Noise-Elemente. Ein weiterer Drumcomputer sorgt für akustisch anmutende Drums. Charakteristisch sind mehrere übereinander liegende Bassgitarrenspuren und ein massiver, realer Trommelklang. Im Film sieht man die körperlich extrem fordernde Arbeit der Bergleute, die unter dem Reaktor gruben – eine Anstrengung, die die Musik durch ihre schwere, geordnete Kraft widerspiegelt.

Das fünfte Kapitel – die Kantine – zeigt Ausschnitte aus dem Alltag der Liquidatoren: Essen, Gespräche, kurze Momente des Vergessens. Eine Moll-Akkordfolge vermittelt Ruhe, aber auch die Flüchtigkeit der Situation. Eine kurze Atempause, bevor die harte Realität zurückkehrt.

Im sechsten Kapitel geht es um die Reinigung des Dachs von Block 3. Zunächst eingesetzte Roboter versagen aufgrund der extremen Strahlung. Musikalisch wurzelt dieser Abschnitt im Industrial der späten 1980er und frühen 1990er Jahre: harte Drums, schwere Bässe, metallische Texturen, präzise programmiert. Die Rhythmen stammen – hier und im folgenden Kapitel – von der Roland R-8, einem Klassiker der frühen Industrial-Drumcomputer. Der Text nutzt zeitgenössische Computersprache.

Das siebte Kapitel zeigt die vermutlich härteste Phase: Die Roboter werden durch Menschen ersetzt – die „Bioroboter“. 3.828 Männer, die ein enormes Opfer erbrachten. Zu ihrer Würdigung entsteht ein Industrial-Metal-Block: die Elemente des sechsten Kapitels weiter zugespitzt, ergänzt durch aggressiv verzerrte Gitarren und einen noch schwereren Gesamtklang. Es ist der dunkelste und intensivste Abschnitt des Werkes.

Das achte Kapitel beschäftigt sich mit dem Bau des Sarkophags – einer geordneten Schlussphase. Musikalisch dominiert elektronische, repetitive Struktur mit komplexerer Rhythmik. Am Ende schließt ein weicher, rauschhafter Abschnitt ab, während die offiziellen Namen und Fotos der Verstorbenen erscheinen.